Nicht defizitär, sondern vielfältig: Chancen einer neurodiversen (Hochschul)welt

Nicht alle Gehirne funktionieren gleich. Während sogenannte neurotypische Menschen den (Studien)-Alltag meist problemlos meistern, stoßen Personen mit einer Neurodiversität auf ganz eigene Herausforderungen. Aber was steckt eigentlich hinter diesem Begriff – und warum ist Neurodiversität keineswegs ein Defizit? Wir haben mit Monica Neve gesprochen, die innerhalb des ProLehre-Teams in der Lernkompetenzförderung arbeitet und jahrelange Expertise in der Beratung und Begleitung neurodiverser Studierender mitbringt. Welche kleinen Stellschrauben Lehrende drehen können, um alle Studierenden besser zu unterstützen und welche Vision Monica für eine inklusivere Zukunft hat, erfahren Sie in unserem heutigen Fokusartikel.
So wie Menschen unterschiedliche Persönlichkeiten, Hautfarben oder Talente haben, unterscheiden sie sich auch in ihrer Wahrnehmung, ihrem Denken und Lernen. Neurodiversität beschreibt ein breites Spektrum an Variationen, wie menschliche Gehirne Informationen verarbeiten und auf ihre Umwelt reagieren. Dazu gehören unter anderem Autismus, eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Schwäche), Dyskalkulie (Rechenschwäche) oder Hochsensibilität.
Monica Neve betont: „Es ist wichtig, zu differenzieren und Neurodiversität als Obergriff für verschiedene Phänomene zu verstehen: Menschen mit ADHS haben andere Bedürfnisse als jemand mit Dyskalkulie oder Legasthenie.“
Viele Menschen im neurodiversen Spektrum teilen eine besondere Herausforderung: Sie haben Schwierigkeiten mit den sogenannten Exekutivfunktionen. Diese kognitiven Prozesse steuern unser zielgerichtetes Handeln – etwa Selbstorganisation, Aufmerksamkeitssteuerung, das Beginnen von Aufgaben, Flexibilität oder den Umgang mit Stress.
Der Studienalltag mit vollen Vorlesungssälen, eng getakteten Lehrplänen und zahlreichen Gruppenarbeiten kann da zur Herausforderung werden. Es kann vorkommen, dass Menschen mit ADHS sich bei komplexen Aufgaben verzetteln, dass soziale Situationen Studierende auf dem Autismus-Spektrum stressen oder sie sich von unvorhergesehenen Änderungen im Lehrplan irritieren lassen. Grelle Lichter in Vorlesungssälen und enge Sitzbänke ohne schnelle Möglichkeit, den Raum zu verlassen, lösen oft Unruhe bei Menschen mit Hochsensibilität aus.
Auf systemischer Ebene hieran etwas zu ändern, ist schwierig. Und doch haben Dozierende Möglichkeiten, ihre Lehrveranstaltung inklusiver zu gestalten: Wenn bekannt ist, dass eine Studentin neurodivers ist, kann man ihr beispielsweise einen festen Platz im Vorlesungssaal reservieren, der ihren Bedürfnissen entspricht. Lehrende können darauf achten, klare Anweisungen zu geben und ihr die Vorlesungsfolien beispielsweise schon vor Semesterbeginn zuschicken. „Am wichtigsten ist, als Dozentin auf das eigene Verständnis zum Thema Neurodiversität hinzuweisen und Ansprechbarkeit zu signalisieren,“ erklärt Monica Neve. Helfen kann auch ein offizieller Nachteilsausgleich, um Chancengleichheit wiederherzustellen. Dieser ermöglicht beispielsweise das Schreiben der Klausur in einem separaten Raum mit mehr Zeit oder verlängerte Deadlines für die Abgabe von Hausarbeiten.
Der Unialltag folgt bestimmten Normen – viele neurodiverse Studierende haben gelernt, mit individuellen Strategien ihren Platz darin zu finden. Wenn sie Probleme damit haben, sich zu konzentrieren, greifen viele beispielsweise auf White Noise zurück – ein konstantes Geräusch, das dem Gehirn hilft, störende Frequenzen zu ignorieren. Genauso nützlich kann sogenanntes Body Doubling sein, bei dem man eine Aufgabe in Anwesenheit einer anderen Person ausführt, um die eigene Motivation zu steigern, ohne dass die andere Person aktiv mitarbeiten muss. Die bloße Anwesenheit des Body Doubles kann für Verantwortlichkeit und Struktur sorgen. Organisationsapps unterstützen bei der Strukturierung des Alltags. Bewegung an der frischen Luft, das Hören des Lieblingslieds oder der Lieblingssnack können wiederum bei der Ausschüttung des bei ADHS-Diagnostizierten manchmal mangelnden Dopamins helfen.
Neben all den systemischen Barrieren, auf die Menschen im Spektrum immer wieder stoßen, bringt Neurodiversität aber auch viele Ressourcen mit sich: Je nach Ausprägung zeichnen sich neurodiverse Personen oft durch Kreativität, detailgenaues Arbeiten, eine schnelle Auffassungsgabe, analytisches Denken oder innovative Lösungsansätze aus. Diese Vielfalt an Perspektiven kann ein großer Gewinn sein – sei es in Seminaren, in denen sich Studierende tief in ein Thema reindenken müssen oder bei Gruppenprojekten, die ein kreatives Ergebnis erzielen sollen.
Unsere Kollegin Monica Neve, die aus Australien kommt und dort schon lange im Bereich Neurodiversität gearbeitet hat, berichtet, dass das Thema in Deutschland und an der TUM bei weitem noch nicht so breit diskutiert wird wie in ihrem Heimatland. Wir bei ProLehre wollen dazu beitragen, mehr Bewusstsein zu schaffen: Unsere Lernkompetenzförderung bietet 1:1 Lernberatungen an, in denen Studierenden mit speziellen Bedürfnissen Methoden und Strategien an die Hand gegeben werden, die es ihnen erleichtern, ihren Unialltag zu meistern. Auch unser Workshop-Angebot für Studierende der TUM deckt mit der im kommenden Wintersemester wieder stattfindenden Webinar-Reihe „Thinking Differently - Studying Differently | Studieren mit Neurodiversität” diesen Bereich ab. Zusätzlich befassen sich einige unserer Kolleginnen und Kollegen mit dem Thema Neurodiversität, um das Wissen dazu künftig weiter hinaus in die Uni und zu den Lehrenden tragen zu können. Dafür bilden wir uns intern entsprechend weiter. Auch andere Stellen an der TUM sind für das Thema sensibilisiert: Es gibt eine Anlaufstelle für Studierende mit Beeinträchtigungen oder chronischen Erkrankungen sowie psychologische Hilfsangebote.
Nichtsdestotrotz liegt noch ein weiter Weg vor uns, bis der Umgang mit Neurodiversität normalisiert und die Potenziale anerkannt werden. Monica Neve wünscht sich für die Zukunft, dass neurodiverse Studierende nicht mehr das Gefühl haben müssen, mit ihnen sei etwas falsch: „Wenn wir eines Tages Neurodiversität nicht mehr als Schwäche, sondern als eine wertvolle Variation des Normalen ansehen, dann sorgt das für Inklusion sowie Diversität und es baut Barrieren ab .“